Gegenargumente

»Alle Moral ist subjektiv. Was richtig oder falsch ist, entscheide ich.«

Niemand kann »beweisen«, dass es falsch ist, Tiere unnötig leiden oder töten zu lassen. Und niemand muss etwas in dieser Art beweisen. Wer der Ansicht ist, dass Tiere keine Maschinen, sondern empfindungsfähige Wesen sind, und wem deshalb etwas an ihrem Wohlergehen liegt, vermeidet es, ihnen zu schaden. Dies ist die einzig logische Konsequenz und wird als Veganismus bezeichnet.

Ein Argument, das den gegenwärtigen und zukünftigen Konsum von Tierprodukten entschuldigen oder es zumindest ermöglichen soll, sich nicht mit der Frage nach der Moral desselben beschäftigen zu müssen, lautet, dass moralische Grundsätze nirgendwo absolut festgelegt sind. Jeder Mensch habe seine eigenen Werte, und es gäbe keine Beweise dafür, dass die eine Art zu handeln »gut«, die andere hingegen »schlecht« sei. Exemplarisch für eine Gesellschaft, in der jedwede Moral relativ ist, stehen folgende Szenarien:

Heidis neuer Ball wird auf dem Spielplatz gestohlen. Die anwesenden Eltern erklären ihr, sie hätte kein Recht, den Ball zurückzufordern, wenn das diebische Kind gemäß seiner eigenen Einschätzung von Gut und Böse gehandelt habe.

Die Regierung eines weit entfernten Landes foltert politisch Andersdenkende. Wir sind wütend und können es nicht gutheißen, dass Unschuldigen solches Leid zugefügt wird. Doch wie kämen wir dazu, anderen unsere eigene Vorstellung von Moral aufzuzwingen?

Dein Nachbar schießt seinem Hund einen Metallbolzen in den Kopf. Du bist entsetzt und verspürst Mitleid, musst aber akzeptieren, dass dein Nachbar augenscheinlich andere Moralvorstellungen hat und somit – abgesehen von deinen Gefühlen – alles in Ordnung ist.

Wir können in moralischen Angelegenheiten keine absoluten Beweise vorlegen, wie wir dies etwa bei der Erörterung mathematischer Grundsätze tun würden. Wie auch immer unsere persönliche Überzeugung hinsichtlich bestimmter moralischer Fragen aussieht – ob wir uns zum Beispiel für oder gegen die Todesstrafe, gleichgeschlechtliche Ehe oder Tierrechte positionieren – wir können keine objektive Gewissheit darüber haben, ob wir mit unserer Ansicht richtig liegen. Wir mögen überwältigende Argumente für unsere Einstellung haben, aber wir können nicht behaupten, diese Einstellung sei wahr in dem Sinne, in dem »zwei plus zwei ergibt vier« wahr ist.

Weil sich moralische von mathematischen Fragen auf diese Art unterscheiden, liegt der Fehlschluss nahe, moralische Ansichten wären ebenso nur eine Sache der eigenen Meinung wie die Frage nach der bevorzugten Sportart oder Musikrichtung. Demnach wäre keine Moralvorstellung einer anderen vorzuziehen, und jedem Menschen wäre es gestattet, sich so zu verhalten, wie es ihm beliebt, ohne Rücksicht auf die Überzeugungen und Werte seiner Mitmenschen.

Um einleuchtend und überzeugend zu sein, müssen moralische Bewertungen jedoch nicht wie mathematische Aussagen bewiesen werden können. Wenn ein Standpunkt von besseren Argumenten gestützt wird als gegensätzliche, sollten wir diesen einnehmen, bis sich uns eine andere, mit noch besseren Begründungen untermauerte Anschauung eröffnet. Wenn sich eine moralische Position besser mit weiteren, bereits angenommenen Positionen vereinbaren lässt, sollten wir vermutlich dieser den Vorzug geben gegenüber anderen, die sich weniger gut einfügen.

Beispielsweise lassen sich etliche eindringliche Gründe dafür vorbringen, dass wir den Holocaust als offenkundig unmoralisches Ereignis bezeichnen sollten, wohingegen uns jegliche Begründung dafür fehlt, dieses Ereignis als moralisch gerechtfertigt zu betrachten. Die Missbilligung des Holocaust entspricht zudem unserem gemeinsamen Ermessen, demzufolge absichtliches Töten unschuldiger Menschen moralisches Unrecht darstellt. Wäre es möglich gewesen, einem Nationalsozialisten objektiv zu beweisen, dass der Holocaust unmoralisch ist? Selbstverständlich nicht. Dies kann jedoch nicht zu dem Schluss führen, dass das moralische Unrecht des Holocaust eine Sache der subjektiven Meinung ist.

Die moralische Integrität der Tierrechtsposition lässt sich (wie jede andere Form des Strebens nach gleicher Berücksichtigung) objektiv nicht als richtig oder falsch »berechnen«. Allerdings drängen sich gute Gründe und gültige Argumente dafür geradezu auf, und nicht zuletzt entspricht sie exakt dem allgemein anerkannten Grundsatz, dass wir Tieren kein unnötiges Leid zufügen sollten.

Wir sind nicht auf Produkte von oder aus Tieren angewiesen, wie viele Millionen vegan lebende, gesunde und leistungsfähige Menschen auf der ganzen Welt belegen. Es ist nicht notwendig, dass Tiere für unser Vergnügen leiden und sterben. Wenn wir also von uns behaupten, Tiere wichtig zu nehmen, davon ausgehen, dass Tiere es vorziehen würden, lieber nicht zu leiden, und wir nicht gezwungen sind, ihnen Schaden zuzufügen, gebietet allein die Logik, unsere Handlungen auf die Minimierung ihres Leids auszurichten. Es spielt hier vorerst keine Rolle, ob Moral subjektiv oder objektiv festgelegt wird, vielmehr gilt es, eine Verbindung herzustellen zwischen dem, was wir ohnehin bereits als »richtig« akzeptiert haben und dem, was wir tagtäglich tun.

Manche Menschen entziehen sich nur zu gerne ihrer Verantwortlichkeit für ihr Handeln und dessen Konsequenzen, indem sie darauf hinweisen, dass unsere Gesetze als gesellschaftlicher Konsens über Richtig und Falsch die einzige verpflichtende Begrenzung des individuellen Handlungsraums darstellen. Trotz besseren Wissens und Gewissens müssen demzufolge Umweltzerstörung, Tierqual, ausbeuterische Arbeitsbedingungen, Verschwendung von Ressourcen oder Waffenhandel als lautere und übliche Praktiken angesehen werden, weil wir vermeintlich gemeinsam als Staat deren Gesetzmäßigkeit beschlossen haben.

Würden wir tatsächlich unsere persönlichen moralischen Grundwerte und das daraus folgende Handeln nach diesem Ansatz richten, würde dies bedeuten, dass wir in dem Augenblick, in dem wir die Grenze einiger bestimmter Staaten überschreiten, die Diskriminierung von Frauen, die Verfolgung Homosexueller oder die willkürliche Inhaftierung oppositioneller Politikerinnen und Politiker als unumstößliche Maximen anerkennen müssten. Selbstständiges, kritisches Denken bliebe ohne Wirkung auf die eigene Haltung, weil die jeweiligen Gesetze als mutmaßlicher Konsens die einzig gültigen ethischen Leitsätze darstellten.

In der gesamten Geschichte des Gesetzesrechts hätte sich darüber hinaus niemals etwas ändern können oder dürfen, wenn nicht einzelne Menschen, soziale Bewegungen und schließlich Regierungen die Absolutheit bestehender Gesetze angetastet hätten. Betrachten wir die Abschaffung der Sklaverei, die Einführung des Frauenwahlrechts oder den Umstieg auf regenerative Energien, so ist den Änderungen und Abschaffungen der betreffenden Gesetze immer eine Idee vorangegangen, die von Menschen getragen wurde, die außerhalb der damaligen Konventionen gedacht und gehandelt haben.

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