Gegenargumente

»Bei veganer Ernährung muss Vitamin B12 supplementiert werden, deshalb ist sie wider die Natur (und somit keine ethische Notwendigkeit).«

Wer tierliche Nahrungsmittel vermeidet und sich dafür entscheidet, angereicherte Lebensmittel oder Präparate zu verwenden, bezieht sein Vitamin B12 aus derselben Quelle wie jedes andere Tier auf der Erde – von Bakterien – ohne irgendeinem fühlenden Wesen vermeidbares Leid zuzufügen oder der Umwelt mehr als nötig zu schaden.

Das Vitamin B12 ist das einzige Vitamin, das dem menschlichen Organismus nicht verlässlich durch eine abwechslungsreiche, vollwertige Ernährung auf pflanzlicher Basis mit viel Obst und Gemüse, zusammen mit genügend Sonnenschein, bereitgestellt werden kann. Es wird von Mikroorganismen produziert, welche im Verdauungstrakt pflanzenfressender Tiere und im Erdboden leben, weshalb sich an unbehandelten Pflanzen (vor allem im Wurzelbereich) geringe Mengen des Vitamins finden lassen. Da durch die Praktiken moderner Landwirtschaft die Böden jedoch nur noch selten einen »artgemäßen« Lebensraum für diese und andere Bakterien darstellen und die Nahrungspflanzen – wenn sie nicht ohnehin auf »erdfreiem« Substrat angebaut wurden – spätestens kurz vor dem Verzehr meistens gründlich gereinigt werden, ist diese Quelle nicht (mehr) als ausreichend ergiebig einzustufen. Industriell kann Vitamin B12 durch mikrobiologische Fermentation (als Cyanocobalamin) hergestellt werden.1

Vegan lebende Menschen, welche regelmäßig ausreichende Mengen angereicherter Lebensmittel oder Vitamin B12-Präparate zu sich nehmen, gehen nur ein äußerst geringes Risiko ein, irgendwann an einem Vitamin B12-Mangel zu leiden. Das Institute of Medicine, das die US-amerikanischen Werte für die empfohlene Zufuhr von Vitamin B12 festlegt, macht dies sehr deutlich: »Weil zehn bis 30 Prozent der älteren Menschen eventuell das natürlich vorkommende Vitamin B12 nicht absorbieren können, wird Menschen, die älter als 50 sind, geraten, die empfohlene Menge hauptsächlich dadurch zu erreichen, dass sie mit Vitamin B12 angereicherte Lebensmittel oder ein Vitamin B12 enthaltendes Präparat konsumieren.«2

Wenn eine vegane Ernährung wegen fehlender »natürlicher« Versorgung mit Vitamin B12 abzulehnen ist, dann ist menschliches Leben in Zentraleuropa wegen fehlender »natürlicher« Iodversorgung (aufgrund iodarmer Böden) und in Nordeuropa wegen fehlender »natürlicher« Möglichkeit zur Bildung von Vitamin D (aufgrund geringer Sonneneinstrahlung) abzulehnen.

An dieser Stelle sei nochmals auf die Ambivalenz des Arguments »Natürlichkeit« hingewiesen: Selbst wenn sich zweifelsfrei bestimmen ließe, welches Handeln für Menschen »natürlich« ist, kann nicht gefolgert werden, dass »natürlich« mit »moralisch einwandfrei« gleichzusetzen ist. Wie natürlich ist es heute noch, blutige Territorialkriege auszufechten? Wie natürlich ist es schon geworden, Bluttransfusionen durchzuführen?

1 Einer der Hauptabnehmer von industriell hergestelltem Vitamin B12 ist das Futtermittelgewerbe; nichtvegane Supplementierungsgegner müssen sich also zumindest damit abfinden, dass das »Essen ihres Essens« unter anderem mit »künstlichem« Vitamin B12 ergänzt wird.
2 http://www.veganhealth.org/articles/everyvegan | PDF
(deutsche Übersetzung | PDF)
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