Tierrechte

Der Mensch ist intelligenter als alle anderen Tiere, warum soll er seine Überlegenheit nicht nutzen dürfen?

Selbst die Tatsache, dass bei den meisten erwachsenen Menschen ein bestimmtes Merkmal (etwa das, was wir als menschliche oder menschenähnliche Intelligenz definiert haben) stärker ausgeprägt ist als bei den Tieren aller anderer Arten, kann den moralischen Grundsatz, dem wir eigentlich alle zustimmen, nicht entkräften: Die absichtliche, unnötige Verursachung von Leid ist nicht zu rechtfertigen.

Vordergründig scheint es so, als ob es lediglich den »Regeln der Natur« entspräche, wenn ein Lebewesen von seinen Fähigkeiten Gebrauch macht, um sich einen Vorteil zu sichern. So wie eine Löwin ihre Fangzähne einsetzt, um an Nahrung zu gelangen, setzen wir Menschen unsere Intelligenz ein. Mehrere Punkte sprechen jedoch dagegen, überlegene geistige Fähigkeiten als Legitimation für totale Dominanz anzuführen.

Niemand würde behaupten, dass Menschen, welche bei Intelligenztests bessere Ergebnisse erzielen als andere, allein deshalb die Berechtigung haben, die ihnen unterlegenen Menschen auszubeuten, als unfreiwillige Organspender zu missbrauchen oder sie umzubringen und zu essen. Mit welcher Rechtfertigung sollen dann nichtmenschliche Individuen ausgebeutet werden können, wenn das entscheidende Kriterium der Intelligenzgrad und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies ist? Darüber hinaus gibt es unzählige Fälle, in welchen nichtmenschliche Tiere vielen Menschen hinsichtlich Intelligenz, Selbsterkenntnis oder Kommunikationsfähigkeit überlegen sind, zum Beispiel Kleinkindern oder Erwachsenen mit stark eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten.

Der Mensch hat sich im Laufe seiner Moralgeschichte hinsichtlich seiner Handlungsfreiheit selbst gewisse Grenzen gesetzt. So können wir mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass unnötige, unprovozierte Gewalt überall auf der Welt geächtet wird, und zumindest innerhalb unseres eigenen Kulturkreises gilt die ungerechtfertigte Zufügung von Leid auch als tabu, wenn sie nichtmenschliche Tiere betrifft. Die sogenannten Tierschutzgesetze spiegeln im Ansatz eine Grundeinstellung wider, welche sogenannte Tierquälerei nicht duldet. Dabei ist der Grad, mit dem die Intelligenz des Opfers der des menschlichen Täters ähnelt, völlig unerheblich. Eine Katze will (und darf laut Gesetz) nicht unnötigerweise gequält werden, weil sie empfindungsfähig ist, nicht weil ihre Intelligenz der eines gesunden, erwachsenen, durchschnittlich begabten Menschen entspricht.

Des Weiteren kann nicht länger bestritten werden, dass Menschen keine tierlichen (und damit durch Gewalt an empfindungsfähigen Individuen »erzeugten«) Nahrungsmittel brauchen, um ihren Organismus gesund und leistungsfähig zu halten, ebenso sind das Tragen von Bekleidung aus toter Haut, das Waschen mit Seife aus Schlachtabfällen oder Besuche im zoologischen Garten keine zwingenden Voraussetzungen für ein angenehmes und erfülltes Leben. Den Menschen in den sogenannten Industriestaaten stehen Alternativen in einem Umfang zur Verfügung, der jegliche weitere Nutzung von Tieren unnötig und damit moralisch nicht mehr rechtfertigbar macht. Im Gegensatz zur oben genannten Löwin und ihrem Rudel sind Menschen nicht auf die absichtliche Tötung (und die generelle Nutzung) anderer Tiere angewiesen.

»Aber warum wird gerade die Intelligenz am höchsten bewertet? Letztendlich vielleicht, weil Intelligenz uns ermöglicht, alle anderen Wesen zu kontrollieren, zu bezwingen, zu dominieren und zu vernichten. Wenn dies der Fall ist, dann ist es Macht, die uns auf die höchste Ebene der Hierarchie hebt. Aber wenn Macht allein die Begründung liefert, mit der andere in den Geltungsbereich moralischer Betrachtung ein- oder aus ihm ausgeschlossen werden können, dann haben wir im Grunde das Recht des Stärkeren als legitim anerkannt und effektiv jegliche Moral abgeschafft.

Wenn wir dieses Recht akzeptieren, kommen wir nicht umhin, es auch auf Menschen auszuweiten, und so wird es vollkommen sittlich für Nazis, Juden zu vernichten; für Straßenräuber, alte Leute zu überfallen; für die Mehrheit, die Minderheit zu unterdrücken; und für die Staatsgewalt, nach eigenem Gutdünken mit uns umzuspringen. Darüber hinaus folgt daraus, wie bereits öfter dargelegt wurde, dass eine uns intellektuell, technologisch und militärisch überlegene außerirdische Zivilisation voll und ganz dazu berechtigt wäre, Menschen zu versklaven, zu essen oder auszurotten.«

— Bernard Rollin

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