Gegenargumente

»Eine vegane Ernährung können sich nur Wohlhabende leisten.«

Auch wenn es vereinzelt Produkte auf dem Markt gibt, die gleichzeitig vegan und relativ teuer sind, ist eine Ernährung, die sich auf pflanzliche Nahrungsmittel stützt, im Durchschnitt günstiger als eine so genannte Mischkost. Fleisch und andere Tierprodukte sind nicht nur teurer in der Erzeugung, sondern verursachen auch hohe Kosten für die Allgemeinheit, die Umwelt und vor allem für die Tiere, die für die Herstellung dieser Produkte leiden und sterben.

Dieses Argument wird gerne sowohl als Begründung dafür, nicht selbst vegan werden zu müssen, als auch als Argument gegen Veganismus selbst vorgebracht. Es wird oft fälschlicherweise angenommen, vegan zu leben sei kostspieliger als nicht vegan zu leben, vegane Menschen könnten allein deshalb von anderen nicht erwarten, ebenfalls eine vegane Lebensweise anzunehmen. Aber auch abgesehen davon, dass die Existenz von Menschen, die aus finanziellen Gründen nicht vegan werden können, kein gültiges Argument gegen Veganismus an sich darstellen würde (so wie die Existenz von Menschen, die sich kein Fahrrad leisten können, nicht gegen die Vorteile des Fahrradfahrens angeführt werden können), gibt es noch andere Einwände gegen die Behauptung, Veganismus setze einen Lebensstandard voraus, den sich viele Menschen nun einmal nicht leisten könnten.

Entgegen der allgemeinen Annahme kann eine vegane Ernährung oft sogar bedeutend günstiger sein. Dies mag für viele überraschend klingen, da Veganismus von Außenstehenden häufig auf den regelmäßigen Verzehr so genannter Fleischersatzprodukte auf Sojabasis verkürzt wird, obwohl selbst diese preislich inzwischen oft mit den nicht veganen, fertig verarbeiteten »Vorbildern« vergleichbar sind. Selbstverständlich können Spezialerzeugnisse aber auch teurer sein, wenn sie in relativ kleiner Stückzahl und für einen relativ kleinen Markt hergestellt und vertrieben werden. Dies gilt jedoch unabhängig davon, ob es sich um ein veganes Produkt handelt oder nicht. Die durchschnittlichen Gesamtkosten für eine bestimmte Ernährungsform können aber nicht einfach anhand des Preises solcher Spezialitäten hochgerechnet werden. Parallel dazu kann die bloße Existenz dieser Produkte, die oft einen hohen Gehalt an Salz und Fett aufweisen, nicht als Beweis dafür angeführt werden, dass vegane Ernährung in all ihren Erscheinungsformen tendenziell eher ungesund, da zu salzig und fetthaltig sei.

Eine gesunde und ausgewogene vegane Ernährung muss jedoch ganz im Gegenteil keines dieser Produkte enthalten. Zu den veganen Grundnahrungsmitteln können Getreide, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Reis, Nudeln, Backwaren, Nüsse sowie tiefgefrorenes oder vakuumverpacktes Gemüse (zum Beispiel in Gläsern) gezählt werden. Diese stellen einige der preiswertesten, nahrhaftesten und sättigendsten Lebensmittel dar, die zudem in jedem Supermarkt fast überall auf der Welt erhältlich sind. Viele dieser Produkte haben außerdem den Vorteil einer langen Haltbarkeit, was es ermöglicht, sie auch in größeren Einheiten auf Vorrat einzukaufen und damit nochmals etwas Geld zu sparen.

Die ärmsten Bevölkerungsschichten weltweit nutzen Pflanzen als ihre Hauptnahrungsquelle. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist von Australien über Japan und China über Zentralasien und den Nahen Osten, Afrika, die Mittelmeerregion und Nordeuropa, über Süd- und Mittel- nach Nordamerika jedes einzelne Grundnahrungsmittel1 ein pflanzliches.2 Fleisch ist – entgegen der in westlichen Ländern weit verbreiteten Ansicht – ein Luxusartikel.

Die Tatsache, dass pflanzliche Lebensmittel preiswerter sind, sollte schon aus wirtschaftlicher Sicht Sinn ergeben: Je weniger Ressourcen, Zeit und Arbeit in ein Endprodukt eingeflossen sind, desto kostengünstiger kann es angeboten werden. Nahrungsmittel, die von oder aus Tieren »gewonnen« werden, stellen hingegen eine gewaltige Verschwendung pflanzlicher Nahrung dar, weil etwa für die »Erzeugung« einer bestimmten Menge Fleisch eine weitaus größere Menge pflanzlicher Nahrung verbraucht werden muss.

Weltmarktpreise in US-Dollar pro Kilogramm3

Rindfleisch 4,32
Lammfleisch 2,60
Geflügelfleisch 2,44
Schweinefleisch 1,19
Reis 0,36
Sojabohnen 0,35
Mais 0,15
Weizen 0,12

Der einzige Grund, aus dem die Bevölkerung einiger Regionen Tierprodukte für so wenig Geld beziehen kann, ist, dass diese Produkte (und die zu ihrer Herstellung benötigten Mittel und Rohstoffe) sehr stark (mit Steuergeldern) subventioniert werden. Allein für die »intensive Schweine- und Geflügelfleischerzeugung« erhalten deutsche Betriebe jährlich weit über eine Milliarde Euro unter anderem als »Direktzahlungen für Futterflächen und Stallbauförderung« und für »Marktmaßahmen zur Förderung der Fleischindustrie«.4 Nicht eingerechnet sind hier allerdings die Subventionen für die »extensive Erzeugung« von Schweine- und Geflügelfleisch sowie die für die Erzeugung von Fleisch von Rindern und Fischen sowie allen anderen zur Fleischproduktion genutzten Tieren.

Zwar werden in der EU auch für den menschlichen Verzehr bestimmtes Obst, Gemüse und Getreide subventioniert, weil jedoch wie oben beschrieben für ein Joule (oder ein Gramm Eiweiß) aus Fleisch, Milch oder Eiern ein Vielfaches an Energie (oder Protein) aus pflanzlichen Quellen eingesetzt werden muss, ist der Gesamtbetrag der verwendeten Subventionsgelder bei Tierprodukten entsprechend um ein Vielfaches höher.

Einmal abgesehen vom finanziellen Gesichtspunkt: Für nicht vegane Ernährung bezahlen Tiere mit dem Wertvollsten, was sie haben: mit ihrem Leben. Selbst wenn eine vegane Lebensweise tatsächlich in jedem Punkt einen höheren finanziellen Aufwand bedeuten würde, wäre dies keine Rechtfertigung zur Ausbeutung einer bestimmten Gruppe empfindungsfähiger Lebewesen.

Auch weitere direkte und indirekte Kosten einer nicht veganen Lebensweise werden, wenn sie sich nicht im Verkaufspreis einzelner Produkte widerspiegeln sollen, auf die restliche Gesellschaft (darunter alle vegan lebenden Menschen), auf nachfolgende Generationen und mittelfristig auch auf alles Leben auf diesem Planeten verteilt: Würde die volle ökologische Last (Verbrennung fossiler Rohstoffe, Senkung des Grundwasserspiegels, Verschmutzung von Luft, Land und Wasser durch Dünger, Pestizide und Gülle) in den Verkaufspreis tierlicher Produkte eingerechnet, läge dieser um ein Zwei- oder gar Dreifaches höher.

Zum Anbau von Futtermitteln für europäische »Nutztiere« werden immer größere Flächen tropischen Regenwalds gerodet, damit einher geht die Zerstörung des Lebensraums unzähliger Tier- und Pflanzenarten und oft auch die Vertreibung der dort lebenden menschlichen Bevölkerung. Die Folgen unseres rücksichtslosen Handelns wie etwa die Klimaerwärmung werden sich im Großen und Ganzen zuerst in den Landstrichen bemerkbar machen, in denen die Bevölkerung heute schon unter der durch den Fleischhunger der industrialisierten Länder mitverursachten Nahrungsknappheit leidet.

Nicht zuletzt nimmt durch den immer höheren Fleischkonsum in Europa die Zahl der damit verbundenen Krankheiten (allen voran Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes mellitus und Krebs) ständig zu. Durch die dadurch entstehenden höheren Behandlungskosten steigen auch die Beiträge zu den Krankenversicherungen, die wiederum die Allgemeinheit tragen muss.

1 Nahrungsmittel, das regelmäßig gegessen wird und in Mengen, die als vorherrschender Teil der Ernährung einer Person bezeichnet werden können und den Großteil ihres Energie- und Nährstoffbedarfs deckt
2 http://www.fao.org/docrep/u8480e/U8480E07.htm | PDF
3 http://www.indexmundi.com, Stand: Oktober 2016
4 Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft: Ökonomische Instrumente zur Senkung des Fleischkonsums (PDF)
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