Tierrechte

Was versteht man unter Speziesismus?

Speziesismus bezeichnet die von einem irrationalen Vorurteil geprägte Einstellung, mit der eine oder mehrere Spezies anderen Arten gegenüber bevorzugt werden, ohne dass ein moralisch relevantes Kriterium dafür eine Rechtfertigung liefern könnte.

Speziesismus beruht (wie Rassismus, Sexismus und andere Formen der Befangenheit) auf einem moralisch irrelevanten Merkmal, auf dessen Grundlage die Interessen eines Individuums ignoriert werden, sogar wenn diese Interessen viel schwerer wiegen als die eigenen. So wird zum Beispiel das Leid und der Tod eines Huhns in Kauf genommen, um seinem eigenen Gaumen einige wenige Minuten lang zu schmeicheln. Ob wir jedoch nach Geschlecht, Alter, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Artzugehörigkeit diskriminieren – es ist ethisch nicht vertretbar, anderen ihre Rechte nach Kriterien zu verwehren, die zu der betreffenden Sache keinerlei Bezug haben.

Speziesismus (in der Praxis meist die Ausnutzung anderer Tiere zum eigenen Vorteil) wird oft begründet durch vermeintliche Unterschiede, die alle Menschen von allen Tieren anderer Arten abheben. Dabei werden etwa menschenähnliche Intelligenz, die Fähigkeit zu rationalem Denken oder ein grundsätzliches Rechtsverständnis angeführt.

Zwar ist der Mensch (vor allem durch seinen relativ hohen Intelligenzgrad und den daraus folgenden Technikeinsatz) offensichtlich in der Lage, Individuen anderer Arten für seine Zwecke zu nutzen, über die moralische Rechtfertigung dafür gilt es aber genauer nachzudenken. In einem Sozialgefüge, das auf Grundwerten wie Freiheit und Gerechtigkeit aufbauen soll, kann eine einzelne Gruppe allein aus ihrer körperlichen oder geistigen Überlegenheit keine Erlaubnis herleiten, eine andere Gruppe uneingeschränkt ausbeuten zu dürfen.

Auch das bloße Anderssein, ein anderes Geschlecht, eine andere Hautfarbe oder ein anderes Alter sind keine hinreichenden Kriterien dafür, die Mitglieder dieser Gruppe zu ausschließlich eigennützigen Zwecken missbrauchen zu können. Aus heutiger Sicht ist beispielsweise die Versklavung von Afrikanern, die nach Amerika transportiert und unter anderem zur Arbeit in der Baumwollproduktion gezwungen wurden, ein unbedingt abzulehnendes System. Das Argument »Wir sind ihnen technologisch überlegen« reicht nicht aus, um Sklaverei zu rechtfertigen. Ebenso wenig kann gelten »Es sind ›Wilde‹« beziehungsweise »Wir sind ›zivilisiert‹«.

Speziesismus, Rassismus, Sexismus und andere Formen der Ungleichbehandlung ähneln sich in der Hinsicht, dass ein moralisch irrelevantes Kriterium (Spezies, ethnische Abstammung, Geschlecht) dafür benutzt werden kann, Personen aus der moralischen Gemeinschaft auszuschließen oder deren Interessen mittels einer klaren Verletzung des ethischen Gleichheitsprinzips unterzubewerten oder zu ignorieren. Insofern gibt es Parallelen zwischen Tiernutzung und menschlicher Sklaverei, denn Tiere wie menschliche Sklaven haben ein fundamentales Interesse daran, nicht als Sachen behandelt zu werden, und dennoch werden sie auf der Grundlage moralisch irrelevanter Merkmale als solche behandelt.

Heute gewähren wir jedem Menschen gewisse Grundrechte, allen voran das Recht auf Leben, auf körperliche und psychische Unversehrtheit und auf Freiheit von Leibeigenschaft, Zwangsarbeit und willkürlicher Inhaftierung. (Dabei halten wir fest, dass in bestimmten Zeiten durchaus Gesetze die jeweilige Gesellschaft bestimmten, welche nicht in unsere heutigen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit passen, und dass es immer noch Gesetze gibt, die es bestimmten Gruppen erlauben, zu wirtschaftlichen Zwecken frei über andere Gruppen verfügen zu können.) Wir waren zumindest aufgeklärt genug, die Grenzen unserer moralischen Gemeinschaft im Laufe unserer Zivilisationsgeschichte auszuweiten: Nach Menschen anderer ethnischer Herkunft, nach Frauen und Kindern nehmen wir inzwischen beispielsweise homosexuelle Menschen per Gesetz in den Kreis derer auf, die alle über die gleichen Grundrechte verfügen sollten.

Hier unterscheiden wir also nicht mehr nach willkürlichen Merkmalen, sondern betrachten die tatsächlichen Interessen eines Individuums. Wir gehen davon aus, dass es anderen Menschen nicht egal ist, was mit ihnen geschieht, dass sie alle ein Interesse daran haben, frei von Leid zu leben. Es spielt hier keine Rolle, ob sie dunkel- oder hellhäutig sind, Frauen oder Männer, alt oder jung, gesund oder krank. Allein die Tatsache, dass sie empfindungsfähig sind, dient als Kriterium in der Frage, ob diese Menschen als Eigentum gehandelt und als bloße Ressource benutzt werden sollten.

Obwohl wir leider noch weit davon entfernt sind, innerhalb unserer Gesellschaft die Hautfarbe oder das Geschlecht eines Menschen als oft entscheidenden Faktor auszuschließen, erkennen die meisten zumindest an, dass ein solches Charakteristikum nicht als Begründung dafür dienen kann, Menschen die Beteiligung am politischen und zivilen Leben zu verweigern. Analog dazu gibt es keinen moralisch maßgeblichen Aspekt der Artzugehörigkeit, der eine Diskriminierung oder den Ausschluss nichtmenschlicher Tiere aus dem Kreis derer, die moralische Berücksichtigung verdienen, rechtfertigen könnte.

Für das Recht, als Mathematikprofessor an einer Hochschule zugelassen zu werden, ist ein moralisch relevantes Kriterium angemessene Intelligenz. Weder Geschlecht, Hautfarbe noch sexuelle Orientierung sollten hier als entscheidende Faktoren Gültigkeit besitzen. Für das Recht, moralisch berücksichtigt zu werden, ist dieses Kriterium die Empfindungsfähigkeit. Keinem empfindungsfähigen Wesen sollte aufgrund seiner Artzugehörigkeit das Recht entzogen werden, nicht ausgebeutet oder getötet zu werden, um von Menschen als Nahrung oder Kleidung sowie zu Unterhaltungs- oder Forschungszwecken benutzt zu werden.

Die extreme Voreingenommenheit des in praktisch allen Kulturen tief verwurzelten Speziesismus reicht nämlich viel weiter als die Missachtung des Rechts, nicht aufgrund des »Andersseins« benachteiligt zu werden. Sie erstreckt sich vielmehr bis zur absoluten Gleichgültigkeit gegenüber dem Recht der Opfer, nicht in ungerechtfertigter Gefangenschaft und frei von psychischer und emotionaler Qual leben zu können und nicht äußerster körperlicher Gewalt in Form von Verletzung, Verstümmelung und Tod ausgesetzt zu sein.

Nichtmenschlichen Tieren Grundrechte zu verwehren, einfach nur weil sie keine Menschen sind, kommt der Forderung gleich, die Versklavung dunkelhäutiger Menschen sollte fortgeführt werden, weil allein durch ihre Hautfarbe verdeutlicht wird, dass sie anderen in irgendeiner Weise unterlegen sind. Die Argumente für die Sklaverei und für die Ausbeutung von Tieren zeigen eine ähnliche Struktur: Wir verweigern Personen mit Interessen die Teilhabe an unserer moralischen Gemeinschaft, weil es einen vermeintlichen Unterschied zwischen »ihnen« und »uns« gibt, der aber nichts mit den Gründen zu tun hat, die wirklich entscheidend für die moralische Berücksichtigung sind, allen voran die Empfindungsfähigkeit. Die Idee der Grundrechte für Tiere entspricht der logischen Konsequenz: Wenn wir der Überzeugung sind, dass Tiere keine gefühllosen Maschinen sind, erfordert das Prinzip der gleichen Berücksichtigung, dass wir aufhören, sie als Sachen zu behandeln.

Wenn wir allen Tieren das Grundrecht verleihen, nicht als Ressource benutzt werden zu können, bedeutet dies nicht, dass wir verpflichtet sind, ihnen die selben Rechte zu geben, die wir auch Menschen zukommen lassen. Die Ablehnung des Speziesismus bedeutet lediglich, dass bei der Festlegung der Grenzen unserer moralischen Gemeinschaft die Spezies nicht relevanter ist als die Hautfarbe oder das Geschlecht.

Speziesismus ist eine Form der irrationalen Bereichsbildung. Ein Beispiel einer solchen speziesistischen Abschottung ist die Einteilung von Tieren in Kategorien wie »Haustiere« und »Nutztiere«. Warum können wir einen Hund streicheln und lieben, während sich der Körper eines Schweins über dem Grillfeuer dreht? Warum verhält es sich nicht andersherum? Oder noch besser, warum lassen wir nicht beide am Leben? Der einzige Unterschied zwischen beiden – die Spezies – ist jedenfalls kein hinreichender Grund für eine solch drastische Ungleichbehandlung.

Ein anderes Beispiel der speziesistischen Bereichsbildung sind die sogenannten Einzelaspekt-Kampagnen der großen Tierschutzorganisationen. Warum sehen wir so viele Proteste gegen das Tragen von Pelz und so wenige gegen das Tragen von Leder? Es gibt mit teurer Öffentlichkeitsarbeit gefahrene Kampagnen gegen die Jagd auf Robben, nicht aber gegen die Jagd auf Fische, bei der die Zahl der Opfer die der Robben um ein Millionenfaches übertrifft. Das Motiv für diese scheinbar willkürliche Auswahl ist zwar rein finanzieller Natur, dennoch verfestigen solche Kampagnen die voreingenommene Klassifizierung von Tieren. Sie sind moralisch inkonsistent und sollten deshalb vermieden werden. Veganismus hingegen ist der persönliche Ausdruck der Verpflichtung, speziesistische Vorurteile zu beseitigen und die Interessen aller Tiere ernst zu nehmen.

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