Gegenargumente

Werden bei der Ernte von Getreide etc. nicht auch viele Tiere getötet?

Das ist momentan leider der Fall. Jedoch liegt zwischen Gefangenhaltung und vorsätzlicher Ermordung von Tieren zur Gewinnung unnötiger Produkte und der unbeabsichtigten Schädigung beim Versuch, Nahrung möglichst ohne Leid zu produzieren, ein bedeutsamer Unterschied.

Beim Anbau pflanzlicher Nahrung lässt sich eine Beeinträchtigung anderer Tiere nicht vermeiden. Am Beispiel Brot zeigt sich – selbst wenn keine direkten unveganen Zutaten oder Produktionshilfsstoffe verwendet werden – dass sich bei Bodenvorbereitung, Aussaat, Ernte, Transport und Weiterverarbeitung Unfälle mit tödlichem Ausgang ereignen können, als deren Opfer nichtmenschliche wie menschliche Personen gleichermaßen zu beklagen sind. Überall, von der Herstellung des Saatguts bis zum Heimweg nach dem Kauf eines (veganen) Brotlaibs, können Unbeteiligte zu Schaden kommen. Einmal mehr verdeutlicht sich hier der moralische Unterschied zwischen der Verursachung eines Unglücksfalls trotz Einhaltung aller bekannten Vorsichtsmaßnahmen und der absichtlichen Verstümmelung oder Ermordung zur Herstellung unnötiger Genussmittel.

Die täglich neue Entscheidung für die Vermeidung vermeidbaren Unrechts, die in unserer heutigen Kultur noch ein Mindestmaß an Selbstinformation und Kritikfähigkeit voraussetzt, stellt den Kern der veganen Haltung gegenüber der Umwelt und anderen Tieren dar. Informierte und kritische vegane Menschen sind sich aber gerade deshalb darüber im Klaren, dass, solange Aktion in und Interaktion mit der Umwelt stattfindet, Unfälle zwar oft abgewendet, jedoch nie komplett ausgeschlossen werden können.

Zwei zentrale Aspekte dürfen jedoch bei der Betrachtung dieses Problems nicht unerwähnt bleiben: Zum einen die fehlende Motivation der meisten landwirtschaftlichen Unternehmen, eben solche Unfälle zu verhindern, also zusätzlichen zeitlichen und finanziellen Aufwand in Kauf zu nehmen, um unbeteiligte Tiere etwa vor den schweren Erntemaschinen zu schützen. Unser technologischer Fortschritt erlaubt es uns, gigantische Teleskope im Weltall zu konstruieren und Atomkerne zu spalten. Würden wir die Interessen aller Tiere ernst nehmen, stünden uns diverse Verfahrensweisen zur Verfügung, mit welchen die Gefahren bei Anbau und Ernte von Nahrungsmitteln auf ein absolutes Minimum reduziert werden könnten. Beim (inhärent unveganen) Hochseefischfang werden aus Artenschutzgründen bereits diverse Methoden angewandt, um die Zahl der unbeabsichtigt gefangenen Tiere, den sogenannten »Beifang«, zu reduzieren, zum Beispiel mit akustischen Scheuchvorrichtungen oder reflektierenden Netzen. Es ist möglich, Techniken einzuführen, durch welche wir pflanzliche Nahrungmittel mit nur sehr wenig oder ganz ohne Beeinträchtigung Unbeteiligter produzieren könnten.

Zum anderen säen und ernten wir weit mehr Getreide, Soja und andere Pflanzen, als wir für eine tierfreie Ernährung benötigen würden. Von den unvorstellbar großen Mengen Soja und Getreide, die wir an »Nutztiere« verfüttern, um sogenannte »veredelte« Produkte wie etwa Hühnereier, Rindermilch oder Schweinemuskelfleisch produzieren zu lassen, geht der größte Teil der ursprünglichen Nährstoffe verloren. Das bedeutet nichts anderes als dass durch unvegane Ernährung mehr Tiere auf Getreidefeldern sterben als durch vegane, weil beispielsweise zur Gewinnung einer Kalorie aus Muskelfleisch mindestens zehn Kalorien aus pflanzlichem Futter eingesetzt werden müssen.1

Wir wissen aus Erfahrung, dass im Straßenverkehr Menschen ihr Leben verlieren. Sobald wir Straßen bauen und Automobile verkaufen, müssen wir davon ausgehen, dass es Unfallopfer geben wird. Dennoch besteht ein grundsätzlicher moralischer Unterschied zwischen einer respektvollen Fahrweise, bei denen Unbeteiligte unausweichlich aber unbeabsichtigt zu Schaden kommen, und dem vorsätzlichen Überfahren einer Person.

Die Tatsache, dass bei der Produktion pflanzlicher Lebensmittel Tiere ungewollt verletzt oder getötet werden, sogar wenn mit größter Sorgfalt und ohne Pestizide gearbeitet wird, kann nicht zu dem Schluss führen, dass es moralisch akzeptabel ist, Tiere absichtlich und ohne Notwendigkeit auszubeuten und zu töten.

1 http://www.welthungerhilfe.de/nahrung-ackerflaechen.html | PDF
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