Gegenargumente

»Veganismus ist zu extrem.«

Bei dieser Frage kommt es wohl auf das eigene Verhältnis zu diesem Wort an. Also urteile selbst: Wie extrem ist es, das Prinzip »Leben und leben lassen« nicht nur im Munde zu führen, sondern auch tatsächlich umzusetzen? Das nicht mehr zu tun, wovor einem das Gewissen schon längst abgeraten hat? Unsere gemeinsamen Grundwerte auch praktisch auf das tägliche Leben anzuwenden und sich zu entscheiden gegen Leid, Gewalt und Unterdrückung und für Gerechtigkeit, Freiheit und Respekt? […]

»In der Natur töten Tiere auch andere Tiere, um sich zu ernähren.«

Menschen sind keine Fleischfresser, benötigen also kein tierliches Gewebe, um zu überleben, und töten deshalb in aller Regel unnötigerweise. Wir haben uns jedoch geeinigt, ungerechtfertigte (weil nicht nötige) Gewalt als moralisch verwerflich anzusehen, können diesen Grundsatz aber nicht einfach über Bord werfen, wenn es um unser Vergnügen oder unseren Profit geht. […]

»Bei veganer Ernährung muss Vitamin B12 supplementiert werden, deshalb ist sie wider die Natur (und somit keine ethische Notwendigkeit).«

Wer tierliche Nahrungsmittel vermeidet und sich dafür entscheidet, angereicherte Lebensmittel oder Präparate zu verwenden, bezieht sein Vitamin B12 aus derselben Quelle wie jedes andere Tier auf der Erde – von Bakterien – ohne irgendeinem fühlenden Wesen vermeidbares Leid zuzufügen oder der Umwelt mehr als nötig zu schaden. […]

»Wenn Tiere ein glückliches Leben hatten, dürfen wir sie töten, solange es dabei human zugeht.«

Wir dürfen laut moralischer Übereinkunft und den daraus abgeleiteten Gesetzen keine unschuldigen Menschen töten, etwa um sie zu essen oder um Kleidung aus ihrer Haut zu nähen; es wird dabei nicht berücksichtigt, wie schmerzlos der Tod und wie erfüllt das Leben des Opfers gewesen ist. Dieses Prinzip nur auf menschliche Tiere anzuwenden ist speziesistisch, so wie es rassistisch wäre, es beispielsweise nur auf »Weiße« anzuwenden. […]

Gehen mit der Abschaffung der Tiernutzung nicht zu viele Arbeitsplätze verloren?

Ein schlichtes Argument wie Arbeitsplatzverlust reicht selbstverständlich nicht aus, um aus sich selbst heraus unmoralische Praktiken zu rechtfertigen. Aus diesem Grund wird gegen Menschenschmugglerringe, Folter, Regenwaldabholzung oder den Einsatz von Tretminen auch nicht damit argumentiert, dass nach Beendigung dieser Praktiken einige Menschen ihre Arbeit nicht mehr ausüben können. […]

»Die Nutzung von Tieren hat eine lange Tradition.«

Wird der Begriff der Tradition herangezogen, um eine bestimmte Praxis zu rechtfertigen, wird damit die Auffassung ausgedrückt, zum jetzigen Zeitpunkt sei praktisch alles erlaubt, was vorher nur lange genug durchgeführt worden ist. Durch die Angabe einer Zeitspanne erhält eine Praxis jedoch lediglich eine nähere Beschreibung, keine Begründung oder Rechtfertigung. […]

Ist es nicht wichtiger, sich zuerst einmal um die Menschen zu kümmern, deren Rechte verletzt werden?

Es gibt keinen Grund, das Engagement für die Rechte menschlicher oder nichtmenschlicher Individuen getrennt zu betrachten oder dem einen oder anderen mehr Gewicht zu verleihen. Da Menschen Tiere sind, gelten Tierrechte auch für alle Menschen. Und es gibt keinen Grund, uns nicht für die Reduzierung allen Leids einzusetzen, ungeachtet der Spezies, welcher die Leidtragenden angehören. […]

Tiere in Freiheit können auch gefressen werden. Sind sie durch die Nutzung durch den Menschen nicht wenigstens vor ihren Feinden geschützt?

Die Tiere, welche in unseren »Mast-«, »Lege-« und »Melkbetrieben« leben, sind ausnahmslos nur deshalb vorhanden, weil Menschen sie in die Welt gebracht haben, sowohl als Individuum als auch als »Zuchtlinie«. Sie wären also in der sogenannten freien Wildbahn nicht bedroht, einfach weil sie dort gar nicht existieren würden. […]

Muss das Leid eines Tieres nicht anders bewertet werden als das eines Menschen?

Obwohl wir nie mit absoluter Genauigkeit nachempfinden können, wie ein anderes Lebewesen Schmerzen empfindet, müssen wir davon ausgehen, dass alle Tiere, die über ein Nervensystem verfügen, Schmerz in ähnlicher Weise »wie du und ich« empfinden. Ebenso können auch Symptome psychischer Beeinträchtigungen wie Stress, Angst oder Vereinsamung bei Tieren in Gefangenschaft beobachtet werden. […]

»Vegane Eltern zwingen ihren Kindern ihre Meinung auf.«

Seine eigene Haltung angesichts sozialer und moralischer Fragen an die eigenen Kinder weiterzugeben ist ein grundlegender Teil des Elternseins. Dazu gehört auch, seine Kinder für den Unterschied zwischen »gut« und »schlecht« zu sensibilisieren, und dabei ist für alle Eltern vor allem die eigene Meinung maßgeblich, unabhängig davon, ob sie vegan leben oder nicht. […]

»Eine vegane Ernährung können sich nur Wohlhabende leisten.«

Auch wenn es vereinzelt Produkte auf dem Markt gibt, die gleichzeitig vegan und relativ teuer sind, ist eine Ernährung, die sich auf pflanzliche Nahrungsmittel stützt, im Durchschnitt günstiger als eine so genannte Mischkost. Fleisch und andere Tierprodukte sind nicht nur teurer in der Erzeugung, sondern verursachen auch hohe Kosten für die Allgemeinheit, die Umwelt und vor allem für die Tiere, die für die Herstellung dieser Produkte leiden und sterben. […]

»(Veganismus ist schlecht, denn) Sojaanbau zerstört den Regenwald.«

Tag für Tag werden große Teile des tropischen Regenwaldes in Südamerika gerodet, um kultivierbare Flächen für neue Sojaplantagen zu schaffen. Davon abgesehen, dass vegan lebende Menschen nicht zwangsläufig Sojaprodukte konsumieren möchten oder müssen, haben die Erzeugnisse, welche uns aus dem Biomarktregal bekannt sind (zum Beispiel Tofu oder Sojamilch), auf die Regenwaldzerstörung keinen Einfluss. […]

»Alle Moral ist subjektiv. Was richtig oder falsch ist, entscheide ich.«

Niemand kann »beweisen«, dass es falsch ist, Tiere unnötig leiden oder töten zu lassen. Und niemand muss etwas in dieser Art beweisen. Wer der Ansicht ist, dass Tiere keine Maschinen, sondern empfindungsfähige Wesen sind, und wem deshalb etwas an ihrem Wohlergehen liegt, vermeidet es, ihnen zu schaden. Dies ist die einzig logische Konsequenz und wird als Veganismus bezeichnet. […]

»Der Mensch steht an der Spitze der Nahrungskette.«

Die Erklärung, dass wir uns uns heute an der Spitze der Nahrungskette befinden, ist gleichbedeutend mit der Erklärung, dass wir heute in der Lage sind, alle anderen Arten auf dem Planeten zu unterdrücken und auszubeuten. Das mag den Tatsachen entsprechen, hat aber keine Bedeutung für ethische Fragen. Die Fähigkeit zur Ausbeutung anderer liefert keine Rechtfertigung für deren Ausbeutung. […]